“Uganda – das ist eine ganz andere Welt! Dort gibt es noch Stämme, deren Angehörige rennen nackt und mit Speer bewaffnet durch die Savanne. Sie bemalen sich mit buntem Matsch und wenn sie sich mal anziehen, dann tragen sie Kleider in allen Regenbogenfarben. Gerne schmücken sie sich auch mit gigantischen Holzplatten in der Unterlippe. Ihre Kultur ist so patriarchal, dass sie dem Besucher ihre Frauen gastfreundlich für die Nacht anbieten. Die meisten leben weitab von westlicher Zivilisation. Deshalb wird jeder Weiße fasziniert bestaunt und gefragt, ob er sich etwas zu gründlich gewaschen habe, oder sei er etwa mit einer solch unnatürlich hellen Haut geboren? Menschen- und Völkerrechte sind unbekannt, weswegen Konflikte in diesem Land von Kindersoldaten und mit Macheten ausgetragen werden. Ein grausames, armes, unterentwickeltes Land.”
“Jaja”, sagen da alle fleißigen Weltspiegel-Schauer und ethnologisch Interessierten, “so ist das da”. Man schüttelt erschüttert, fasziniert und machmal auch amüsiert den Kopf – und ist letztendlich doch froh, dass man weit weg von diesen Merkwürdigkeiten lebt.
Letzte Woche saß ich in einem indischen Restaurant hier in Mbarara. Es lief – wie in allen ugandischen Lokalitäten – der Fernseher. In einem Musikvideo zu dem Lied “We are the world” schauten mir halbverhungerte afrikanische Kinder mit dickem Bauch beim Essen meines Chickencurry zu, traurige Menschen in Flüchtlingslagern blickten apathisch in die Kamera. “Gemeinsam helfen wir Afrika” oder so ähnlich war die an mich ausgesandte Botschaft. Das war das erste Mal, dass ich ein solches Video sah, während ich mich gleichzeitig in genau diesem Kontinent befand. Ich schaute mich um und sah: Menschen in Anzug, Krawatte und Designerbrille, die mit dem Smartphone am Ohr schnell das Essen hinunterschlangen, um zum nächsten Termin zu kommen. Am nächsten Tisch: Modisch gekleidete junge Frauen, die sich über irgendetwas köstlich amüsierten. Und Anthea neben mir, die mir gerade das Neueste aus der Serie “Sex and the City” berichtete. Als ich wieder auf den Bildschirm schaute war ich verwirrt. Und hatte außerdem das Bedürfnis laut los zu lachen. Schon bevor ich nach Uganda kam, war mir natürlich klar, dass solche Videos nicht zum Ziel haben, afrikanische Realität abzubilden, sondern mich zu möglichst großzügigen Spenden zu bewegen. Aber irgendwie dachte ich bei Afrika doch immer an Hunger, Katastrophen, Grausamkeiten. Und an Lehmhütten, rituelle Tänze und Medizinmänner mit Zauberkräften. Als ich dieses Video sah, kam es mir wahnsinnig lächerlich vor. Die schöne weiße Sängerin mit der blonden Mähne rettet mit ihrem schmerzverzerrten Gesicht die armen hilflosen Afrikaner. Der Mann neben mir, der gerade mit seinem Laptop völlig gebannt auf Facebook surfte, sah irgendwie gar nicht so hilflos aus. Man stelle sich das ganze mal andersherum vor: Eine schöne schwarze Frau verdrückt erschüttert eine Träne, während sie über das Leid der armen stress-, diabetes-, magersucht- und depressions-geplagten Europäer klagt. Diese armen Opfer ihres ungesunden Lebenswandels! Das muss man doch was tun! “Africa together to save Europe!” Ich finde, man sollte mal so eine Kampagne starten!
Natürlich will ich nicht behaupten, dass es keine Not, keine Kriege, keine Lehmhütten und Medizinmänner in Afrika gäbe. Aber auch nach zwei Monaten in Uganda kenne ich das alles immer noch nur aus dem Fernsehen. Mein Alltag in Mbarara ist erstaunlich arm an exotischen Erlebnissen. Vieles unterscheidet sich nur wenig vom täglichen Leben in Berlin: Die Menschen gehen in Kneipen, trinken Cola und Bier, sie gehen zusammen tanzen, ins Schwimmbad, zum Golfen oder Squashen, schauen amerikanische Filme und Fußball. Sie benutzen Shampoo und Gesichtspflege, kaufen Aspirin in der Apotheke und schlucken die Pille. Sie leben in Wohnungen mit Türen, Fenstern, Teppichen, Betten, Tischen, Stühlen, Sofas, Fernsehern und Stereoanlagen. Sie lackieren sich die Fußnägel (jedenfalls die Frauen), flirten miteinander und haben One-Night-Stands. Sie fahren ganz normal mit ihren Autos zur Arbeit, kommen heim, essen zu abend, schauen Fernsehen, gehen ins Bett, stehen auf, duschen, frühstücken und gehen wieder zur Arbeit. Manchmal streiten sie sich, dann versöhnen sie sich wieder oder lassen sich scheiden. Ich habe noch niemanden getroffen, der sich morgens den Lendenschurz umband um sich athletischen Schrittes auf Gazellenjagd zu begeben. Auch habe ich noch nicht erlebt, dass mein Nachbar im Hof einen Regentanz ob der anhaltenden Dürre veranstaltet (auf der anderen Seite ist seit ich hier bin Regenzeit. Ich frag ihn mal, ob er die gängigsten Regentänze beherrscht ;o))
Natürlich, vieles ist anders. Man lebt bescheidener, hat geringere Ansprüche, verfügt über weniger Dinge, die einem das Leben erleichtern. Nur wenige haben eine Waschmaschine oder einen Herd. Eine Spülmaschine habe ich hier noch nie gesehen. Geduscht wird mit kaltem Wasser, gekocht auf Gaskochern oder mit Holzkohle. Die Straßen bestehen größtenteils aus Lehmpisten oder sind übersät mit gigantischen Schlaglöchern. Fast täglich fällt der Strom aus und manchmal auch das Wasser. Der öffentliche Nahverkehr besteht aus Motorrädern, die man einfach auf der Straße anhält und den Preis (zwischen 20 Cent und einem Euro) mit dem BodaBoda-Fahrer aushandelt. Es gibt keine Krankenversicherung und Patienten im Krankenhaus müssen eine zusätzliche Matratze und Familienmitglieder mitbringen, die sie versorgen können. Auch Zuneigung wird anders ausgedrückt: Während es völlig normal ist, dass man sich zur Begrüßung die Hand gibt und diese auch während der ganzen Unterhaltung nicht mehr losläßt und niemand staunt, wenn Männer Händchenhaltend durch die Straßen gehen, ist es völlig unüblich für ein Pärchen, sich in der Öffentlichkeit zu küssen oder zu herzen. Dinge werden im Allgemeinen weniger aufwendig, weniger stringent und mit mehr Gelassenheit geplant. Dadurch dauert oft alles etwas länger. Warten gehört hier zum Leben wie atmen und essen. Da das allgemein üblich ist, beschwert man sich nicht und entschuldigt sich für Verspätungen eigentlich auch nicht. Vor allem wenn es regnet: Wenn der Regen auf die Stadt niederprasselt, steht das Leben eben einfach still.
Ich könnte zehn Seiten damit füllen, was ähnlich und was ganz anders ist. Im Laufe dieses Blogs, werdet ihr sicher noch vieles darüber erfahren. Was ich mit diesen Worten aber in erster Linie deutlich machen will ist: Das Bild der Kriege, Hungersnöte und Tellerlippenmenschen, das wir von Afrika haben, gibt nur eine ganz bestimmte Realität des Lebens auf diesem Kontinent wieder. Natürlich ist mein Einblick auch nur begrenzt, schließlich wohne ich in einer Stadt und habe fast ausschließlich mit gut ausgebildeten Ugandern zu tun. Auf dem Land, wo die Tradition eine viel größere Rolle spielt, sieht das Leben natürlich wieder ganz anders aus. Dennoch behaupte ich, dass die große Mehrheit der Menschen in Uganda und den allermeisten anderen afrikanichen Ländern weder Hunger leidet, noch in Flüchtlingslagern lebt, außerdem äußerst selten nackt durch den Dschungel rennt oder Tänze gegen den bösen Blick auffüht. Und auch hier teilt man den Partner oder die Partnerin in der Regel wenn dann nicht auf eigenen Wunsch hin mit Gästen. Soweit reicht die Gastfreundschaft bei aller Herzlichkeit dann doch nicht!
Und damit dieser Blog auch was fürs Auge ist, hier noch ein paar Bilder. Macht es gut, kommentiert meinen Artikel, wenn ihr mögt und lasst es euch gut gehen! Ich denke an euch! Eure Sharot (wie ich hier meist genannt werde).

Muzungu im Kirchenchor

Anthea, Isaac und ich nach einem langen Aufstieg in Ibanda, nördlich von Mbarara

Livingstone, ein Freund aus der Kirche, und ich auf einem BodaBoda

Während unseres Kirchen-Frauenwochenendes

Standbetreuung - jippieh!

kleiner Engel

eine Frau aus einer unserer Words of Hope Gruppen

mein Geburtstag - mit Walzer und Hip Hop

hier ist also der Äquator, aha

Altkleider aus Europa gefällig? 50 Cent das Stück











